Was macht den Menschen zum Menschen? Viel ist darüber diskutiert und vor allen Dingen spekuliert worden. Der Mensch besitzt Verstand. Das allein zeichnet ihn bereits vor den meisten Lebewesen auf unserem Planeten aus. Er kann sich kreativ betätigen, Ideen verwirklichen, seinen Gedanken materiellen Ausdruck verleihen. Ein Tier kann das nicht. Ein Tier besitzt zwar die Fähigkeit zu sozialem Handeln, agiert jedoch rein instinktgetrieben. Ihm fehlt die Fähigkeit, sich seiner selbst bewusst zu werden.
Der Mensch kann sich begreifen, sich erweitern und fortentwickeln.
Eines seiner prägendsten Kennzeichen ist zugleich auch Merkmal seines größten Makels: er versucht alles zu trennen! Indem der Mensch sämtliche Personen, Dinge und Zustände um sich herum bewertet und einer Beurteilung unterzieht, teilt er auf in »gut« und »schlecht«, »klein« und »groß«, »schwarz« und »weiß«. Auf den ersten Blick mag das sogar noch Sinn machen, muss er sich doch in einer Realität zurechtfinden, die ihn in seinem Alltag stets aufs Neue fordert. Will er seine Ruhe haben, ist jede Musik zu laut. Ist er in Partylaune, ist dieselbe Musik noch zu leise. Beispiele gibt es ohne Ende; jeder kann für sich bestimmt eine ganze Menge ähnlicher persönlicher Ereignisse aufzählen. Gerne werfen wir dabei anderen auch vor, was wir selbst permanent betreiben: wir polarisieren. Weil wir polarisieren, finden wir auch immer Personen und Umstände, denen wir für irgendetwas die Schuld zuschieben können. »Hätte es nicht in Strömen geregnet, wäre ich auf jeden Fall pünktlich gewesen« oder »Machen Sie mir keinen Vorwurf, der Meier hat mich angestiftet«. Daran sieht man, dass Polarisieren sehr praktisch ist und niemand für nichts die Verantwortung übernehmen muss, weil ja immer »die anderen« die Schuld tragen.
Gegensätze zu schaffen ist eine Angelegenheit, die die materielle – die stoffliche – Welt unweigerlich mit sich bringt. Dem Menschen, uns, ist es nicht vergönnt, die Einheit der Gegensätzlichkeiten zu sehen, obwohl sie nahe liegend sind. Niemand würde ein Auto kaufen, das nur ein Gaspedal, aber keine Bremsen hat. Obwohl sich viele einen schnellen Wagen wünschen, brauchen sie ebenfalls die Sicherheit, auch das Gegenteil von Beschleunigung, das Abbremsen also, bewerkstelligen zu können. In diesem Fall scheint es normal zu sein, die Polaritäten zu vereinigen; man erkennt die Geschlossenheit des Gegensätzlichen.
»Die Schönheit der Dinge lebt in der Seele dessen, der sie betrachtet« ist ein Ausspruch des schottischen Philosophen David Hume. Er beschreibt nicht das »Warum« des Polarisierens, sondern gleich die Folgen. Unsere Probleme sind nur deshalb Probleme, weil wir (be)werten. Dabei ist die Welt um uns herum absolut neutral. Der Sonnenschein ist ohne Zweifel neutral, der Flusslauf draußen im Wald natürlich ebenso. Warum nun schreien die einen nach Sonne, die anderen nach Regen? Warum ist grün eine tolle Farbe für ein Fahrrad und eine schlechte für Unterwäsche? Weshalb zwängen sich übergewichtige Sofasportler in Radrenntrikots und wer will denn unbedingt klapperdürre Models mit Riesenbusen sehen?
»Die Schönheit der Dinge liegt in der Seele dessen, der sie betrachtet.« Die Antwort ist universal und bedarf keiner Erklärung. Mit ihr wäre sogar ein wichtiger Ansatz gemacht, wie wir alle unsere Sorgen und Nöte von heute auf morgen in den Griff bekommen könnten. Wir müssten uns nur die Mühe machen, dem einen Teilaspekt unserer Bewertung sein Pendant zuzuordnen. Mit anderen Worten: Wenn mir eine Nachzahlung des E-Werks ins Haus flattert, dann nützt es mir herzlich wenig, mich darüber zu beklagen, zu jammern oder sogar eine Gerichtsverhandlung zur Feststellung des wahren Sachverhaltes anzuregen. Auf diese Weise gebe ich den Druck, der auf mich ausgeübt wird, zurück und verstärke ihn noch, wenn ich kein Nachgeben feststellen kann. Diese »Wand« aus Ereignissen, die mich (be)drückt, wird nicht vor mir zurückweichen, weil sie nicht anders kann. Gebe ich allerdings dem Druck nach, dann wird er sofort aufhören. Bezahle ich also klaglos meine Rechnung, nehme sie als gegeben und prüfe in Zukunft meinen Verbrauch sowie die laufend steigenden Endnutzerpreise, sollte ich vor weiteren Überraschungen der unangenehmen Art gewappnet sein.
Im »Höllenjäger« begegnen wir ebenfalls offensichtlichen Polaritäten; vornehmlich steht für uns der Konflikt »Gut« gegen »Böse«, »Licht« gegen »Finsternis« im Vordergrund. Da das, was als böse bezeichnet auch böse dargestellt wird, fällt eine Bewertung durch die Protagonisten, aber auch durch den Leser, eindeutig aus. Es wird vielfach außer Acht gelassen, dass es sich sämtlich um neutrale Zustände handelt, die von gegensätzlichen Parteien naturgemäß auch konträr beurteilt werden. Ein Mord ist für unsere Begriffe etwas Schlechtes und Verachtenswertes, das bestraft werden muss. Nehmen wir etwa den Ritualmord eines Menschen. Bei einigen Naturvölkern ein durchaus legitimes Mittel der Besänftigung ihrer Gottheiten, für uns einfach nur primitiver abergläubischer Stumpfsinn, den wir verabscheuen. Die Tötung an sich ist ein wertungsfreies Ereignis. Sie hat einen Grund, eine Ursache, verhält sich absolut passiv und gehorcht einzig den Regeln – in unserem Beispiel – des Hohepriesters. Die Wechselwirkungen allein mit unserer Ethik und den Gesetzen des Humanismus treiben uns erneut zur Polarisierung, anstatt das Ereignis als solches hinzunehmen. Ein vorsätzlicher Mord ist selbstverständlich ein kraftvolles Extrem, und es soll durch seine Nicht(be)wertung auch keine Verharmlosung oder gar Anstiftung stattfinden. Gemäß der esoterischen Universalerkenntnis »wie oben, so unten«, fängt jeder Konflikt im Kleinen an. Der Krieg unter den Nationen kann nicht aufhören, solange Krieg in den Familien herrscht. Der Hunger auf der einen Welthalbkugel kann nicht bekämpft werden, wenn auf der anderen Seite des Globus Völlerei gepredigt wird. Das nur als Gedankenstütze.
Unser Hauptaugenmerk liegt auf »Licht« und »Finsternis«. Diese beiden Gegensätze scheinen sich nahtlos in unsere Polaritätensammlung einzureihen. Das Licht wird erst durch die Finsternis zu dem, was es ist. Umgekehrt gilt dies selbstverständlich auch. Beide bedingen einander und sind damit untrennbar miteinander verbunden. Das eine ist ohne das andere nicht denkbar. So jedenfalls scheint es.
Die Besonderheit liegt allerdings darin, dass die Finsternis zwar vor dem Licht zurückweicht, das Licht aber niemals vor der Dunkelheit. Brennt eine Lichtquelle, ist es der Nacht nicht möglich, sie zum Erlöschen zu bringen. Andernteils zwingt eine entsprechend große Lichtquelle die Nacht unnachgiebig in die Knie. Bei jedem Sonnenaufgang können wir diese Beobachtung machen. Dunkelheit besitzt demnach keine Eigenständigkeit, sie ist passiv und steht in einem Abhängigkeitsverhältnis. Das Licht hingegen existiert aus sich selbst heraus, lässt sich von der Schwärze tragen und beugt diese nach seinem Willen. Finsternis ist ein Konstrukt, Helligkeit ein Naturphänomen.
Übertragen wir diese Feststellung auf den altbekannten Gut-Böse-Konflikt, wird eines schnell klar: Gott (das Licht) existiert, Satan (die Finsternis) nicht. Das Gute ist eine Macht, das Böse lediglich ein geduldeter Zustand. Schlagen wir nun den Bogen zu der eingangs erwähnten Polarisierung, der sich der Mensch freiwillig unterwirft, verwundert es nicht, dass sich das »Böse« – also alles von uns als negativ Eingestufte – aus der Scheidung von Zusammengehörigkeiten generiert. Die Trennung zerstört, sie schafft keine Ordnung! Je mehr wir trennen, (be)werten und (unter)teilen, desto mehr machen wir kaputt und nähren in einem Zuge die Negativität um uns herum, der wir den Namen »Teufel« gegeben haben.
Wie die Dunkelheit ist der Teufel ein Kunstprodukt.
Er lebt einzig durch die Macht, die wir ihm verleihen.